• Mädchen und Jungen melden sich in der Klasse

Leben im SLW: VHPT Fürstenzell gibt Starthilfe

Fürstenzell. In der neuen Heilpädagogischen Tagesstätte für Kinder im Kindergartenalter begleitet ein fünfköpfiges Team acht Schützlinge mit Verhaltensauffälligkeiten, die im Regelkindergarten überfordert wären. Durch gezielte Förderung sollen sie emotional gestärkt und auf den Besuch einer Regelschule – und auf das Leben – vorbereitet werden.

Ein Mädchen sitzt am Tisch und spielt ein Spiel

Auf den ersten Blick erscheint in der Heilpädagogischen Tagesstätte für Kinder im Kindergartenalter (VHPT) in St. Maria Fürstenzell alles wie in einem gewöhnlichen Kindergarten. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass es weniger Inventar, weniger Spielzeuge, einfach weniger „Auffälliges“ gibt. Das hat einen Grund, wie Bettina Schwägerl, die pädagogische Leitung dieses neuen Betreuungsangebots im Landkreis Passau, erklärt: „Man sagt ja in Fachkreisen, der Raum sei der dritte Pädagoge. Deshalb sind die Räume unserer VHPT speziell an die Anforderungen und die Bedarfe angepasst, die unsere Schützlinge mitbringen. Sie sind bewusst reizärmer, klar gegliedert und mit weniger Mobiliar gestaltet. So können sich die Kinder besser orientieren und zur Ruhe kommen.“

Schwerer Rucksack schon in sehr jungen Jahren

Das spielt eine große Rolle dabei, den acht Kindern gerecht zu werden, die seit November einen Platz in der VHPT gefunden haben. „Wir betreuen Kinder mit erheblichen Verhaltensauffälligkeiten, die in einem Regelkindergarten oder auch in einer integrativen Einrichtung nicht ausreichend gefördert werden können“, erklärt Schwägerl. Das neue Angebot richtet sich an Kinder ab dem vollendeten dritten Lebensjahr bis zum Schuleintritt. Förderrechtliche Voraussetzung ist eine seelische Behinderung oder das Risiko, eine solche zu entwickeln. Aber was heißt das genau? Die Pädagogin erklärt: „Einige Kinder leiden beispielsweise an diagnostizierten Autismus-Spektrum-Störungen, andere sind mutistisch, extrem schüchtern oder sozial überfordert. Wieder andere zeigen starke Impulsausbrüche oder aggressive Muster. Viele haben trotz ihres jungen Alters schon mehrere Einrichtungen durchlaufen. So trägt jedes Kind seinen eigenen, schweren Rucksack mit sich.“ In einer klassischen, großen Kindergartengruppe seien diese Kinder oft überfordert und würden dort auch andere Kinder überfordern.

Ablauf wird an emotionale Bedarfe angepasst

Um hier schon möglichst früh besser fördern zu können, kümmern sich in der Hauptbetreuungszeit der VHPT vier pädagogische Fachkräfte intensiv um ihre Schützlinge. Ergänzt wird das Team von der Bereichsleitung, die organisatorisch entlastet, sowie durch Fachdienste, die jedes Kind individuell fördern. „Im Grunde haben wir einen ähnlichen Tagesablauf wie in anderen Kindergärten – mit Ankommen, Morgenkreis, Brotzeit, Mittagessen und Freispielzeit“, erklärt Schwägerl. „Aber die Inhalte und wie wir den Tag gestalten, das ist bei uns anders. Wir orientieren uns stark an den emotionalen Bedürfnissen der Kinder – und passen den Ablauf individuell an.“

Kinder müssen Gefühle erkennen und annehmen lernen

Denn manchmal genügt ein kleines Erlebnis, das den ganzen Tag beeinflusst. „Eine ungute Stimmung nehmen unsere Kinder oft mit in die Einrichtung und dann wird das auch unser Thema“, so Schwägerl. Neben der emotionalen Stabilisierung geht es dabei auch um die Förderung sozialer Kompetenzen, etwa Frustrationstoleranz, Impulskontrolle, Konfliktverhalten. „Manche Kinder müssen
erst lernen, ihre Gefühle überhaupt zu benennen“, erläutert Schwägerl. „Warum bin ich wütend? Was macht mich traurig? Und was kann ich dann tun?“ In solchen Phasen ist es besonders wichtig, mehr Raum als üblich für individuelle Entfaltung zu schaffen: „Wir wissen nie, was die Kinder an Fähigkeiten und vor allem Interessen mitbringen. Aber wir haben hier Möglichkeit, gezielt darauf einzugehen. Wenn ein Kind den Weltraum liebt, dann kann man über dieses Thema immer wieder Begeisterung wecken – auch an schwierigen Tagen.“ Auch Grundlagen für die Einschulung werden in der VHPT geschaffen. Die Pädagogin nennt ein Beispiel: „Ein Ziel ist, dass ein Kind überhaupt erst mal in der Lage ist, sich 15 oder 20 Minuten lang einer Aktivität zu widmen. Das ist oft schon eine große Herausforderung.“

Unabdingbar für die Entwicklung: Die Unterstützung der Eltern

Eine positive Entwicklung der Kinder ist aber nur möglich, wenn auch das familiäre Umfeld einbezogen wird. Deshalb wird die Zusammenarbeit mit den Eltern in der VHPT großgeschrieben. „Wir unterstützen die Eltern – aber wir erwarten auch ihre Mitwirkung“, betont Bettina Schwägerl. Dazu gehört eine feste Vereinbarung, in der sich beide Seiten zur Zusammenarbeit verpflichten. In regelmäßigen Gesprächen geht es darum, das Kind besser zu verstehen, gemeinsam nächste Schritte zu planen und auch zu Hause Veränderungen zu begleiten. So wird gemeinsam überlegt, welche Schulform für das Kind infrage kommt oder welche Unterstützung es auf dem weiteren Weg braucht. Eine weitere Besonderheit ist übrigens der Fahrdienst der Einrichtung: Die Kinder werden morgens zu Hause abgeholt und nachmittags wieder zurückgebracht. Beim kurzen Austausch an der Haustür entsteht täglicher Kontakt direkt im Lebensumfeld der Familien.

Schlüssel ist frühzeitiges Fördern

Dass die VHPT als noch relativ junges Betreuungsangebot Früchte trägt, davon ist Bettina Schwägerl überzeugt: „Das Konzept wurde schon im Franziskushaus Altötting erprobt, das als Vorreiter solche Gruppen aufgebaut hat“. Der Schlüssel liegt darin, früh genug zu handeln: Je eher Kindern mit Defiziten geholfen wird, desto weitreichender sind ihre Entwicklungsschritte. „Im Idealfall gelingt der Wechsel aus der VHPT in eine Regelschule“, beschreibt Bettina Schwägerl das große Ziel ihres Teams: „Wenn ein Kind nach seiner Zeit bei uns mit Schultüte, Ranzen und strahlenden Augen in die Grundschule geht, dann wissen wir: Alles hat sich gelohnt.“

Andrea Obele

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